Sich freuen, wo es möglich ist

Im Alter häufen sich die Gründe für Depressionen. Trotzdem gibt es auch Möglichkeiten, sich psychisch zu stärken und die Endlichkeit auszuhalten. Im Artikel der «Zentralschweiz am Sonntag» vermittelt unser Mitglied Heidy Helfenstein ihr Wissen und Ihre Erfahrungen zum Thema.

Abbildung Artikel Altersdepression
Zentralschweiz am Sonntag Nr. 41, Sonntag, 13. Oktober 2013

Sich an dem freuen, was noch möglich ist

Im Alter häufen sich die Gründe für Depressionen. Trotzdem gibt es auch Möglichkeiten, sich psychisch zu stärken und die Endlichkeit auszuhalten.

Depressionen sind ein weit verbreitetes Krankheitsbild. Auch ältere Menschen sind nicht gefeit davor. Sie besonders nicht, ist man versucht zu sagen. Das Leben neigt sich dem Ende entgegen, die gesellschaftliche Wahrnehmung schwindet, die persönliche Befindlichkeit ist mit Schmerzen und Krankheiten konfrontiert, das vermeintlich verpasste Leben meldet sich mit aller Unerbittlichkeit zu Wort. Wie soll man das aushalten?

Ein Drittel betroffen
Depressionen sind im höheren Lebensalter die häufigste psychische Erkrankung. Unter den 65-jährigen leiden sieben Prozent unter einer behandlungsbedürftigen Depression. Einer beträchtlichen Anzahl der von Altersdepression Betroffenen werden auch zunehmend Antidepressiva verschrieben. Bei Menschen, die in Alters- und Pflegeheimen leben, sind 35 Prozent von Depressionen betroffen. Vielfach überlagern sich Symptome einer Altersdepression mit anderen Störungen wie einer Demenz. Auch die Suizidrate ist hoch: Fast 40 Prozent aller Selbstmorde werden von über 60-jährigen Menschen begangen (Zahlen: Europäischer Tag der Depression).

Auch die in Luzern, Willisau und Zürich tätige Psychotherapeutin Heidy Helfenstein will das Thema nicht schön reden. „In der letzten Zeit habe ich regelmässig eine ganze Anzahl von Klienten, die älter als 75 Jahre sind. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen bei mir. Aber allen ist gemeinsam, dass sie Ängste haben und Mühe bekunden, dem Leben noch einen Sinn abzugewinnen.“

Alte Menschen sind anfälliger dafür, das Leben von der grauen bis trüben Seite zu sehen. Schmerzen und Krankheiten melden sich, Freunde und Angehörige sterben weg, die Einsamkeit nimmt zu. „Alter hat mit Verlust zu tun, und das in jeglicher Form“, sagt Helfenstein: Verlust von lieben Menschen, von Gesundheit, von Attraktivität, von Gefragtsein, von Wertschätzung. Das erzeugt Ängste. Eine weit verbreitete Angst, wie Helfenstein in ihrer Arbeit erfährt, ist die Angst vor Abhängigkeit.

Gefühle von Hilflosigkeit
„Es ist für viele nur schon sehr schwierig, wenn die Spitex vorbei kommen, ein Fahrer sie transportieren muss oder sie andere Leute um Hilfe angehen müssen“, sagt die Psychotherapeutin. Der zunehmende Verlust an Autonomie, die einmal lebensbestimmend war und auch lebensbejahend wirkte, schränkt das Wohlergehen massiv ein und führt zu Gefühlen von Hilflosigkeit. Dazu kommen Gefühle, dass man nur noch zur Last fällt und sich dadurch selber als wertlos empfindet.

Der Jugendwahn, der die Gesellschaft zunehmend befallen hat, macht die Sache nicht einfacher. Er verstärkt geradezu die Ausgrenzung von jenen älteren Menschen, die in diesem ästhetisch designten Dauerlauf nicht mithalten können. Vielen älteren Menschen macht auch der rasante Wandel der technischen Entwicklung und der gesellschaftlichen Lebensumstände zu schaffen. Das Interesse an Tagesaktualitäten kann schwinden und den Eindruck verstärken, dass man sich auf einem eigenen Planeten befindet. Heidy Helfenstein: „Oft höre ich den Ausspruch: Ich passe nicht mehr in die heutige Welt.“

Etwas verpasst haben
Auch scheinen die Zeiten und Kulturen, als alte Menschen aufgrund ihrer Lebenserfahrung besonders geachtet wurden, langsam Relikte der Vergangenheit zu werden. Damit wird den älteren Menschen auch die letzte Würde genommen, zumal ihre Wertevorstellungen nicht mehr viel zählen. Auch Perspektiven und Ziele, die den jüngeren Erwachsenen ein wichtiger Lebensantrieb sind, scheinen angesichts der beschränkten Lebenszeit obsolet zu werden. Das drückt auf das Gemüt und kann Menschen verbittert machen.

Depressionen im Alter sind besonders oft von Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen begleitet. Die Generation der heute 75- bis 85-jährige Frauen sieht sich mit einem veränderten Frauenbild konfrontiert. Heute ist es selbstverständlicher, dass sich Frauen auch beruflich verwirklichen und in Partnerschaft und Ehe selbstbewusster ihre Ansprüche einfordern. „Das stellt das Selbstwertgefühl der älteren Frauen stark auf die Probe. Viele konnten früher keinen Beruf erlernen und haben jetzt das Gefühl, dass sie ihre Talente und Bedürfnisse zu wenig ausleben konnten oder überhaupt im Leben viel verpasst zu haben. Das fördert Depressionen.“

Ressourcen stärken
Angesichts solcher Ausgangslagen könnte einem das Alter angst und bange machen. Aber die beschriebenen Zustände müssen längst nicht auf alle Menschen zutreffen. Es gibt ältere und selbst hochbetagte Menschen, die in Zufriedenheit den Lebensabend geniessen, die sich aufgehoben fühlen, die nicht gross hadern und die mit Genugtuung auf ein erfülltes Leben zurückblicken können. „Zu einem grossen Teil ist das schlicht und einfach auch Glück“, sagt Heidy Helfenstein.

Daneben gibt es Faktoren, die man selbst beeinflussen kann und die präventionsmässig mithelfen, sich im Alter psychisch gesund zu fühlen. Die Psychotherapeutin rät, dass man in früheren Jahren möglichst vieles von dem verwirklicht und herausholt, was man will, damit gegen das Lebensende nicht bloss verpasste Chancen bejammert werden müssen. „Wichtig ist, dass man zu sich steht und sich selber akzeptiert, so wie man ist.“ Also: Sich mehr getrauen, seine Individualität zu leben, frei nach dem Motto: Selber leben, statt gelebt zu werden. „Das kann man auch im Alter noch lernen“, betont Helfenstein.

Generell verschiebt sich im Alter das Gefühl der Erfüllung vom Haben zum Sein. Das verändert die Aktivitäten und gibt eine neue Sicht auf Wichtiges und Unwichtiges. Was sicher gut tut, ist ein soziales Umfeld, sei es mit Angehörigen, guten Freunden und Bekannten oder mit Freiwilligenarbeit im Quartier oder in der Nachbarschaftschaftshilfe.

Sinn finden
Auch zum Körper Sorge tragen, wirkt für eine gesunde Psyche unterstützend. Viel Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und die nötige Zeit für Entspannung fördern eine stabile Gesundheit. Konkret können auch Entspannungsübungen (Autogenes Training, Muskelentspannung nach Jacobson, Meditation oder Mentales Training) dazu beitragen, Ängste abzubauen und sich in Gelassenheit zu üben. „Etwas vom Wichtigsten ist es, Sinn im Leben zu finden“, sagt Helfenstein. Wer sich selbst im höheren Alter noch bestimmte Fertigkeiten aneignet, etwa eine Sprache lernt, sich für ein Themengebiet interessiert oder sich auf Reisen der heutigen Welt aussetzt, gibt sich Perspektiven und wird von etwas erfüllt. „Für viele ältere Leute können das auch schöne Erinnerungen sein oder die Freude an Tieren und an der Natur.“

Nicht zu unterschätzen sind die religiösen und spirituellen Bedürfnisse. Wer an etwas glaubt, hat ein Fundament, einen Rahmen, der ihm hilft, das Werden und Vergehen des Lebens zuzulassen und so auch mit der Angst vor dem Sterben besser umgehen zu können, Trost zu finden, Gelassenheit und Aufgehobensein zu spüren.

Darüber reden
Eine grosse Hilfe ist das Reden über Probleme. Sich auszusprechen über die eigenen Ängste und andere belastende Probleme kann eine grosse psychische Erleichterung sein und einen ersten Schritt zur Krankheitsbewältigung darstellen. Deshalb nehmen ältere Menschen auch zunehmend die Unterstützung von Psychotherapeuten oder einem Psychiater in Anspruch.

In diesen Sitzungen haben die Betroffenen ein Gegenüber, das zuhören und die Äusserungen richtig einordnen, Mut machen und eine positive Bewältigung des Alltags unterstützen kann. Heidy Helfenstein sieht ihre Aufgabe dann unter anderem auch darin, gemeinsam mit dem Klienten seine verbliebenen Ressourcen zu entdecken und ältere Menschen dahingehend zu motivieren, dass sie sich an dem freuen, was noch möglich ist, statt mit dem zu hadern, was ohnehin nicht mehr verändert werden kann. „Hier liegt ein grosses Potential. Es gibt immer noch viel mehr, das einem beglücken kann, als man es sich vorstellt.“

Heidy Helfenstein
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